Am Morgen spielte er noch seine Rolle.
von Antje Petershagen – 21. September 2026Am Nachmittag sagte er mir: „Ich bin sehr krank.“
Wir hatten gemeinsam Nachtdienst. Er war älter als ich, beruflich weiter, erfahren. Einer der Kollegen, zu denen ich aufgeschaut hatte.
In dieser Nacht merkte ich, dass er nicht mehr konnte.
Er war körperlich und emotional völlig erschöpft.
Am nächsten Morgen bei der Übergabe ließ er sich nichts anmerken.
Er machte seine Arbeit, er sprach mit den Kollegen, er spielte seine Rolle.
Am Nachmittag kam er zu mir, er zögerte, suchte nach Worten. Offenbar wusste er selbst nicht, wie er dieses Gespräch beginnen sollte.
Dann sagte er:
„Ich bin sehr krank. Ich brauche eine neue Leber. Ich kann das nicht mehr lange geheim halten.“
Ich habe diesen Satz nie vergessen.
Vielleicht auch deshalb, weil er Arzt war.
Wir wissen viel über Krankheiten. Wir kennen Verläufe, Komplikationen, Prognosen. Wir wissen, welche Befunde uns beunruhigen müssen und welche Fragen wir stellen würden.
Wenn wir selbst krank werden, können wir dieses Wissen nicht einfach ausschalten.
Manchmal macht es die Angst sogar größer.
Denn plötzlich sind wir nicht mehr diejenigen, die erklären, einordnen und beruhigen.
Wir sind diejenigen, die warten, ie Befunde bekommen, die Entscheidungen treffen müssen, die Angst haben.
Und genau das ist für viele Ärzte besonders schwer,für einen Moment nicht der Arzt zu sein.
Sondern einfach ein Mensch, der sehr krank ist.
Auch Ärzte werden krank, haben Angst und brauchen manchmal einen Raum, in dem sie nicht funktionieren müssen.
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Danke an Kerstin Rauch für das Bild.