Manchmal muss man nicht lernen, den anderen zu verstehen.
von Antje Petershagen – 24. August 2026Man muss lernen, in seine Welt einzutauchen.
Ich erlebe in meiner Arbeit häufig Menschen allein, manchmal aber kommt ein Paar gemeinsam zu mir. Und manchmal sitzt dann ein Mann neben seiner krebserkrankten Frau, der eigentlich gar nicht so recht weiß, was er hier soll.
Er kommt mit, aus Liebe, aus Sorge, vielleicht auch ein wenig aus Pflichtgefühl. Und er bringt seine eigene Sicht auf die Dinge mit.
So war es auch bei diesem Paar.
Sie war nach der Krebserkrankung längst wieder im Arbeitsleben. Mit reduzierten Stunden und trotzdem waren diese Stunden kaum zu schaffen. Die Fatigue war geblieben. Dazu kamen Fragen, die sich nicht einfach leiser stellen ließen: Was wird aus meiner beruflichen Zukunft? Was bedeutet es, wenn ich dauerhaft weniger arbeiten kann? Was passiert dann mit meiner finanziellen Sicherheit, vielleicht sogar mit meiner Altersvorsorge?
Ihr Partner konnte diese Erschöpfung nur schwer verstehen.
Im Gespräch wurde deutlich, dass beide in sehr unterschiedlichen Welten lebten. Er mit einem tiefen, fast selbstverständlichen Vertrauen in das Leben und in die Menschen, die er liebt. Sie mit einer Erfahrung von Vertrauensbrüchen, nun auch was ihren Körper betrifft, und mit existenziellen Fragen, die sich nicht durch positives Denken auflösen ließen.
Ich erzählte ihm, was Fatigue für mich selbst bedeutet, weil auch ich sie kenne.
Er sah mich an und sagte:
„Das kann ich mir bei Ihnen gar nicht vorstellen.“
Und vielleicht war genau das der Moment, in dem etwas begann.
Denn es ging gar nicht darum, dass einer von beiden Recht hatte.
Es ging darum, dass sie aufhörten, die Welt des anderen ständig aus der eigenen heraus zu bewerten.
Sie durfte erkennen, dass seine Zuversicht nicht bedeutete, dass er ihre Erfahrung kleinmachen wollte.
Und er durfte beginnen zu verstehen, dass ihre Erschöpfung keine Frage der richtigen Einstellung war.
Aber noch etwas geschah. Sie erkannte, dass auch er mit den Folgen der Erkrankung lebte. Dass auch sein Leben Einschränkungen erfahren hatte. Dass sie so sehr auf das geschaut hatte, was der Krebs ihr genommen hatte, dass sie manchmal nicht mehr wahrgenommen hatte, was er auch ihm genommen hatte.
Und plötzlich standen da nicht mehr die Erkrankte und der, der sie nicht verstand.
Da standen wieder zwei Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, unterschiedlichen Möglichkeiten, unterschiedlichen Arten, mit dem Leben umzugehen.
Und genau darin liegt die Magie eines Berührungsraumes: Nicht darin, dass zwei Menschen gleich werden, sondern darin, dass sie sich in ihrer Verschiedenheit wieder begegnen können.
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