„Ich liege jetzt zum 15. Mal in diesem Ding.“
von Antje Petershagen – 10. September 2026Annemarie sagt das eher beiläufig.
Sie ist 45, ihre Brustkrebsdiagnose ist 15 Jahre her.
Fünfzehn Jahre das ist fast so lang, wie manche Menschen überhaupt erwachsen sind.
Und trotzdem liegt Annemarie noch immer regelmäßig in der Nachsorge.
Diesmal wieder MRT.
Sie liegt auf dem Bauch. Der Kopf irgendwo fest in einer Vorrichtung, der Körper eng umschlossen von diesem Gerät. Dazu dieser Lärm, der selbst durch die Kopfhörer noch erstaunlich laut ist.
Nicht bewegen, ruhig atmen, nicht panisch werden, einfach "entspannt bleiben", wie die nette Helferin es so einfach sagt.
Und dann warten, dem klopfenden Rhythmus lauschen, dann ziemlich gegen Ende, endlich läuft das Kontrastmittel ein, Das Ende ist fühlbar. Annemarie zählt rückwärs, rechnet im Kopf, addiert, substrahiert, beschäftigt ihren Kopf um die Angst nicht zu wecken.
Sie kann nichts tun, ausser ruhig zu liegen, damit die Bilder nicht verwackelt sind.
Denn während sie dort liegt, suchen sie.
Nach etwas, von dem Annemarie hofft, dass es nicht da ist.
Vielleicht müsste es beim 15. Mal leichter sein.
Sie kennt den Ablauf, sie weiß, dass es irgendwann vorbei ist, sie hat es schon vierzehnmal geschafft.
Aber sieweiß eben auch, warum sie dort liegt.
Und genau das macht es so schwer.
Annemarie ist seit 15 Jahren nicht mehr an Brustkrebs erkrankt.
Aber der Krebs ist auch nicht einfach aus ihrem Leben verschwunden.
Immer wieder gibt es etwas zu kontrollieren, etwas genauer anzuschauen, einen Befund, der noch einmal abgeklärt werden muss.
Das Leben geht weiter.
Und dann kommt wieder so ein Termin und für einen Moment ist dieses alte Gefühl zurück:
Was, wenn sie diesmal etwas finden?
Ich denke oft darüber nach, was wir eigentlich meinen, wenn wir sagen, eine Krebserkrankung sei „vorbei“.
Für Annemarie ist sie vorbei und gleichzeitig ist sie nicht vorbei.
Vielleicht ist genau das dieses merkwürdige Danach, über das wir so wenig sprechen.
Nicht ständig Angst, nicht ständig Krankheit, aber immer wieder diese Möglichkeit, die irgendwo im Hintergrund mitläuft.
Eine Art lebenslange Differentialdiagnose, so nenne ich dies.
Und vielleicht wird auch ein MRT beim 15. Mal nicht leichter.
Vielleicht weiß Annemarie dann einfach nur noch genauer, was sie sich wünscht, nämlich dass sie nichts finden.
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