Die Angst ist alt. Die Chance auch.
von Marlies Koel – 15. Oktober 2026Diese Frage höre ich gerade oft. Von Führungskräften, von Selbstständigen, von Menschen, die seit Jahrzehnten gute Arbeit leisten. Manchmal wird sie laut gestellt. Häufiger schwingt sie leise mit, irgendwo zwischen zwei Sätzen über die neue Software im Unternehmen.
Ich nehme diese Frage ernst. Und sie hat mich neugierig gemacht: Gab es sie schon einmal? Als ich nachlas, war ich überrascht, wie ähnlich die Ängste klangen. Über Jahrhunderte hinweg.
Eine kleine Zeitreise
Vor rund 2.400 Jahren lässt Platon im „Phaidros” Sokrates von einem ägyptischen König erzählen. Der warnt vor einer neuen Erfindung: der Schrift. Sie bringe Vergessen in die Seelen, weil die Menschen sich auf Buchstaben statt auf ihr Gedächtnis verlassen. Sie würden vielwissend erscheinen, ohne es wirklich zu sein.
1492 schreibt der Abt Johannes Trithemius ein Buch zum Lob der Schreiber. Seine Mönche sollen weiter von Hand abschreiben, denn ein geschriebenes Buch sei jedem gedruckten überlegen. Zwei Jahre später lässt er sein Buch drucken.
Anfang des 19. Jahrhunderts ziehen in England Textilarbeiter nachts los und zerschlagen Maschinen. Sie sehen ihre Existenz bedroht, ihr Handwerk, ihren Platz in der Welt. 1844 erheben sich in Schlesien die Weber, weil mechanische Webstühle und Hungerlöhne ihnen die Lebensgrundlage nehmen.
Und im Mai 2025 erklärt der neu gewählte Papst Leo XIV., warum er diesen Namen gewählt hat: Sein Vorgänger Leo XIII. habe auf die erste große industrielle Revolution geantwortet. Heute stelle die künstliche Intelligenz uns vor neue Herausforderungen für die Verteidigung der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Arbeit.
Menschenwürde. Genau darum geht es. Damals wie heute.
Das immer gleiche Muster
Die Werkzeuge ändern sich. Die Ängste bleiben erstaunlich gleich: Werde ich ersetzt? Verliere ich, was mich ausmacht? Wer bestimmt eigentlich über mein Leben?
Und noch etwas wiederholt sich: Der Blick wandert nach außen. Zu denen da oben, zu den Konzernen, zur Technik. Sie entscheiden, wir warten ab. Das ist verständlich und es ist der direkte Weg in die Opferrolle.
Als Biologin habe ich viele Jahre im Labor gearbeitet. Dort habe ich gelernt: Gerät eine Zelle unter Stress, schaltet sie auf Schutz. Ihre ganze Kraft fließt ins Überleben. Wachstum hat dann Pause.
Wir Menschen funktionieren ganz ähnlich. In der Angst ziehen wir uns zusammen, passen uns an, halten durch. Das ist klug, denn es sichert das Überleben. Doch das Leben hat uns mehr zugedacht als bloßes Überleben.
Umbrüche sind Wachstumszeiten
Wenn ich auf die Geschichte schaue, sehe ich neben der Angst vor allem das, was danach kam. Die Schrift hat das Denken weitergetragen, über Generationen. Der Buchdruck hat Wissen aus den Klöstern zu den Menschen gebracht. Und aus der Not der Industrialisierung ist eine Frage gewachsen, die bis heute trägt: Welchen Wert hat ein Mensch, ganz unabhängig von seiner Nützlichkeit?
Leicht war das selten und doch hat jeder Umbruch etwas in uns Menschen wachsen lassen.
Bewegt haben sich die Dinge dabei meist von unten, durch einzelne Menschen. Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth hat es so formuliert: „Geistige Revolutionen … kommen von außen, von unten, von den Menschen, die aufwachen und einen anderen Blick haben.”
Die Frage, die bei dir liegt
Die künstliche Intelligenz ist da und sie bleibt, genauso wie das Handy, das vor kurzer Zeit noch undenkbar war. Der Wandel ist also längst Wirklichkeit.
Die eigentliche Frage lautet: Wie gestaltest du ihn mit?
Du kannst abwarten, was andere entscheiden. Oder du nutzt diese Zeit für das, wofür Umbrüche immer schon da waren: für deine eigene Entwicklung. Du bist die Schöpferin, der Schöpfer deines Lebens. Jeden Tag aufs Neue.
Mein Credo dazu: Ich bin. Ich entscheide. Ich handle.
Ich bin: Ich nehme wahr, was in mir lebendig ist. Auch die Angst darf da sein. Ich entscheide: Ich wähle, wie ich dem begegne, was geschieht. Ich handle: Ich gehe den ersten Schritt. Schon ein kleiner Schritt verändert die Richtung.
Die Veränderung beginnt bei jedem Einzelnen von uns. Bei dir. Heute.
Ein Impuls für diese Woche: Nimm dir fünf Minuten und schreib auf: Was will in dieser Zeit in mir wachsen? Und welchen ersten kleinen Schritt gehe ich dafür ?
In Teil 2 geht es um das, was unter der Angst vor der KI liegt: Woran knüpfst du deinen Wert? Und was macht dich zum Original?
Schreib mir gerne in die Kommentare: Welchen Schritt gehst du?