Marie ist 95 Jahre alt...

von Antje Petershagen – 06. Juni 2026

Marie ist 95 Jahre alt.
Sie lebt noch in ihrem eigenen Haus, nicht mehr ganz allein. Mit etwas Unterstützung. Langsamer als früher, aber immer noch selbstbestimmt.
Als ihr die kleinen wunden Stellen im Gesicht auffallen, macht sie zunächst das, was sie immer gemacht hat.
Ein wenig Honig darauf, abwarten und beobachten.
Doch die Stellen verschwinden nicht, sie werden mehr. Einige beginnen leicht zu bluten.
Marie weiß, dass sie um den Arztbesuch nicht herumkommen wird.
Sie hat eine Hausärztin, die sie seit vielen Jahren begleitet.
Eine dieser Beziehungen, die über Jahrzehnte gewachsen sind.
Die Diagnose lautet weißer Hautkrebs.
Marie schweigt, nicht lang, aber lange genug.
Sie gehört zu einer Generation, die Gefühle selten ausspricht.
Die Krieg erlebt hat, Verlust, Verzicht.
Eine Generation, die gelernt hat, weiterzugehen.
Irgendwann sagt sie:
„Ich möchte keine Therapie. Geben Sie mir eine Salbe."
Die Hausärztin beginnt nicht zu überzeugen.
Sie beginnt zu fragen.
Was ist Ihnen wichtig, Marie?
Und plötzlich geht es nicht mehr um Krebs.
Es geht um ihren Garten.
Um den Sessel am Fenster.
Um die Vögel, die jeden Morgen kommen.
Um die Enkel.
Um das eigene Zuhause.
Um ein Leben, das auch mit 95 Jahren noch ihr Leben ist.
Marie möchte nicht, dass andere entscheiden, was für sie ein gutes Leben bedeutet.
Und sie möchte nicht, dass ihr am Ende ihres Lebens das Ruder aus den Händen genommen wird.
Mich berühren solche Begegnungen.
Weil sie mich daran erinnern, dass gute Medizin nicht immer bedeutet, alles zu tun, was möglich ist.
Manchmal bedeutet gute Medizin zuzuhören, zu erklären.
Zu begleiten und anzuerkennen, dass Lebensqualität für jeden Menschen etwas anderes bedeutet.
Selbstbestimmung endet nicht mit einer Krebsdiagnose.
Und auch nicht mit 95 Jahren.


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