Bei Ihnen fühle ich mich ein bisschen aufgehoben

von Ulrike Scholz – 08. Oktober 2026

Ich habe eine neue Klientin. Sie ist über 80 und damit die älteste Klientin, die ich bisher begleitet habe.

„Die Gelassenheit hat mich angesprochen. Das möchte ich auch lernen“, sagt sie beim Infogespräch.

Seit eineinhalb Jahren ist sie Witwe. Sie erzählt von ihrer Ehe, von schönen Jahren, aber auch von den belastenden letzten drei, in denen sie ihren Mann gepflegt hat.

„Ich habe meinen Mann geliebt. Aber vermissen tue ich ihn nicht.“

Ob das schlimm sei, fragt sie mich.
Nein. Vielleicht ist es einfach ehrlich.

Sie hat niemanden, mit dem sie über all das sprechen kann. Freunde und Bekannte werden im Alter weniger. Die Kinder sind längst aus dem Haus und meinen, es gehe ihr doch gut. Schließlich habe sie keine finanziellen Sorgen.

Und ja: Das ist eine Erleichterung.
Aber es schützt nicht vor Einsamkeit.

Nach Jahrzehnten, in denen sie für andere da war, darf sie nun eine ganz neue Rolle finden: 
Was bedeutet es, für sich selbst da zu sein?

Bisher war sie es gewohnt, stark zu sein, Probleme selbst zu lösen und Verantwortung zu übernehmen. 
Nun richtet sich ihr Blick zunehmend auf den eigenen Körper – insbesondere auf ihren Blutdruck.
Sie versucht, Sicherheit durch Kontrolle zu gewinnen. Doch körperliche Prozesse lassen sich nicht einfach kontrollieren.

Also schauen wir gemeinsam: Was hilft ihr, wieder mehr Einfluss auf ihr eigenes Erleben zu bekommen?
Atemübungen. Spaziergänge – ohne Zielvorgabe. Malen. Früher hat sie gern Aquarelle gemalt. Das möchte sie wieder ausprobieren.
Kleine Dinge. Aber sie verändern den Fokus: weg von dem, was war und nicht mehr möglich ist, hin zu dem, was jetzt noch geht.

Auch ihre Blutdruckschwankungen beobachtet sie inzwischen anders. 
Sie dokumentiert, welche Gedanken, Gefühle und Situationen vorausgingen.

So beginnt sie, Zusammenhänge zwischen innerer Anspannung, Verhalten und körperlichem Erleben wahrzunehmen und fühlt sich den körperlichen Veränderungen nicht mehr so stark ausgeliefert.

Im Gespräch wird ihr zunehmend klar, wie hilfreich ihr „Stark-Sein“ über viele Jahrzehnte war. Und dass sie jetzt noch einmal neu wählen darf: sich selbst.

Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse formuliert sie so:
„Ich habe jahrelang für andere gesorgt. Jetzt ist die Zeit gekommen, diese Fürsorge auch mir selbst zukommen zu lassen.“

Mit Gelassenheit. Und mit Lebensfreude.

Vielleicht ist das eine der großen Aufgaben im Älterwerden:
Nicht nur Abschied zu nehmen von dem, was war.
Sondern auch neu zu entdecken, was noch möglich ist.


#Selbstfürsorge #Älterwerden #Gelassenheit