Gehen oder bleiben - Entscheidungsprozesse in der Paartherapie
von Monica Link – 06. November 2026Schon Geheimrat Goethe konstatierte:
„Sonne kann nicht ohne Schein, Mensch nicht ohne Liebe sein“
Wenn Menschen „ Ich liebe dich“ sagen, meinen sie unterschiedliche
Dinge.
Sie werden am glücklichsten mit jemandem, der mit diesen Worten
etwas Ähnliches meint wie Sie.
Ein glückliches Paar ist ein Paar, das ein gemeinsames Leben
aufbauen, einen Platz in der Welt finden kann, denn wir brauchen
einen Platz in der Gemeinschaft der Menschen, wo wir uns beschützt
und angenommen fühlen.
Sollen wir unseren Platz in unserer Liebesbeziehung aufgeben, weil
er zu wenig von dem Leben beinhaltet, das wir uns vorstellen?
Oder sollen wir stattdessen Ansprüche und Vorstellungen aufgeben?
Und bleiben.
Den Schmerz über den verlorenen Platz, wenn der Partner uns
verlässt, nennen wir Liebeskummer.
Wir haben ein Ideal der modernen Liebesbeziehung:
Wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir lieben, Liebe verändert uns,
bringt das Beste in uns hervor, macht uns mutig und stark. Es ist ein
Glücksfall, den Menschen zu finden, mit dem man auf einzigartige Weise kompatibel
ist.
Den Menschen zu finden, der mich für wertvoll hält -und umgekehrt.
In diesem Zustand kommen wir unserem idealen Selbst, so, wie wir
sein möchten, ganz nah. Wir sind in Höchstform.
Wahre Liebe schließt Verantwortung und Verpflichtungen ein, man
übernimmt Verantwortung für die Entscheidung zu lieben. Das
englische Wort Commitment ist ein moderner Begriff und bedeutet
übersetzt Engagement, Verpflichtung, Bekenntnis. Der Leitsatz einer
Liebesbeziehung lautet: Ich bin glücklich, dass du glücklich bist. Es
gilt als abgemacht, dass wir zwei jetzt die wichtigsten Menschen
füreinander sind und bleiben.
Eine Liebesbeziehung, lange, vertraute Zweisamkeit, liegt im Zentrum
des Lebensentwurfs, den wir uns geschaffen haben. Ihn versuchen
wir zu erhalten durch Loyalität, Berechenbarkeit, Ehrlichkeit,
Zuverlässigkeit. Indem wir an der Beziehung festhalten und nicht an
unseren Wünschen.
Liebe ist nicht Erfüllung, Liebe ist das Unerfüllte auszuhalten.
Eine glückliche Beziehung zu führen, ist eines der wichtigsten
Lebensziele und den richtigen Partner zu finden, ist eines der
wichtigsten Projekte in unserem Leben.
Liebe ist eine emotionale Beziehung, ein schützender Hafen, eine
sichere Basis, in der wir Trost, Fürsorge und Bestätigung finden. Bist
du für mich da? Ein deutliches Ja ist die Antwort eines sicher
gebundenen Partners.
Wir achten darauf, ob wir den Partner erreichen können, denn
Rückzug verunsichert, macht uns Angst. Wenn wir uns sicher
gebunden fühlen, nennen wir das Liebe.
Was lässt Paare glücklich miteinander leben?
Es gibt ein paar einfache Rezepte: Meinungsverschiedenheiten
aushalten, Unterschiede respektieren, mehr Komplimente und Lob
äußern, dafür weniger Kritik, idealerweise im Verhältnis 1/5, eher
angenehme Emotionen ausdrücken als unangenehme, Wünsche und
Bedürfnisse äußern statt Vorwürfe, Kompromisse bilden, d.h. jeder
gibt auf, worauf er verzichten kann, setzt durch, was ihm besonders
wichtig ist.
Die meisten Konflikte, circa 70 %, sind nach Untersuchungen des
amerikanischen Paarforschers John Gottmann ohnehin unlösbar. Also
geht es darum, Lösungen zu finden, um mit Problemen leben zu
können.
Und manchmal gibt es Zeiten, wo nur aushalten möglich ist, warten,
bis der Andere wieder bereit ist, am gemeinsamen Beziehungswerk
mitzuarbeiten.
Zu Beginn einer Beziehung sehe ich meinen Geliebten als Ehrengast
in meinem Leben, um den ich mich liebevoll kümmere, an dem ich
Anteil nehme, dessen Bedürfnisse sich genauso wichtig anfühlen wie
die eigenen. Ein kraftvoller Zustand positiver Resonanz entsteht,
wenn man gute Gefühle, positive Emotionen wie Freude, Interesse,
Inspiration teilen kann. Die Wahrnehmung von Einheit, Fürsorge,
Trost, Schutz und Unterstützung vermittelt Geborgenheit. Diese
Bindungsliebe kann bestehen bleiben, selbst wenn Romantik und
Erotik nachlassen.
Soweit die ideale Beziehungs-Vorstellung.
Und warum können wir uns dann nicht einfach immer weiter lieben
und glücklich sein, wenn es doch so einfach klingt? Und am Anfang
so einfach schien?
Vereinfacht ausgedrückt: weil Paarbeziehung, Partnerschaft, Ehe
nicht gleichzusetzen sind mit Liebesbeziehung. Ganz im Gegenteil
sogar! Deshalb endet auch jede Romantikkomödie mit dem
Hochzeits-Happy-End.
Wie sollen leidenschaftliche, erotische, romantische Liebe und
aushandelnde, faire Partnerschaft eins werden? Wir stehen vor der
wundersamen Aufgabe , unsere leidenschaftliche Sexualität mit einer
langdauernden, alle Lebensbereiche umfassenden, vernünftigen,
gleichberechtigten Partnerschaft zu vereinigen, womöglich sogar noch
mit Kindern.
Sehr leicht entsteht daraus eine sogenannte
Beziehungserwartungsstörung.
Seit nunmehr beinahe 25 Jahren treffe ich mich mit Paaren in meiner
Praxis zur Paartherapie. Es ist ein Privileg, dabei zu sein, wie
Liebespartner darum ringen, ein Paar zu bleiben oder wieder ein Paar
zu werden. Eine langjährige Liebesbeziehung gleicht einem
zwischenmenschlichen Hindernisparcours, der so schwierig werden
kann, dass manche Partner dann und wann an Ausstieg denken.
Liebesbeziehungen sind komplex und es gibt weder eine richtige Art
zu lieben noch eine ewig glückliche Beziehung. Lieben bleibt eine
Kunst.
Paartherapie kann dabei helfen, eine andere Perspektive
einzunehmen, eine andere Sicht auf die Beziehung und auf den
Partner zu finden.
Klassische Themen, die Paare zu mir führen, sind:
Nähe-Distanz-Konflikte, d.h. das Bedürfnis nach Selbstentfaltung und
Autonomie versus Bindungs-Nähe und Sicherheit müssen
ausgehandelt werden.
Der Anspruch auf Optimierung: Eigentlich wartet eine viel großartigere
Beziehung auf mich irgendwo - stattdessen mache ich faule
Kompromisse.
Die anfängliche Romantik ist verloren gegangen.
Die sexuelle Leidenschaft ist weg. Mein Partner hat weniger Lust,
bestimmt dadurch meine Sexualität.
Es gilt herauszufinden, welches die Elemente der Liebesbeziehungen
sind, auf die einer der Partner nicht verzichten will: Treue, Bindung,
Fürsorge, Sexualität, Leidenschaft, Intimität, Verbindlichkeit, Nähe,
Unterstützung in der Kindererziehung, berufliche Förderung.
Häufig geht es um Liebeskummer wegen Betrug, Untreue, Eifersucht
oder unerfüllte Sehnsucht und Einsamkeit, Entfremdung.
Oft gibt es Machtkämpfe in der Beziehung.
Manche Paare kämpfen mit Ängsten, Sucht-Erkrankungen,
psychischen Störungen.
Jedes Paar wird auf seine Weise glücklich, mit oder ohne Sex,
getrenntem oder gemeinsamem Schlafzimmer, Kindern. Probleme
existieren nicht einfach sondern sie sind unsere Sicht der Dinge, auf
unser Paar-Sein.
Leider ist es unsere Tendenz, dem Negativen mehr Aufmerksamkeit
zu schenken als dem Positiven. Wir befinden uns ständig in einem
Kreislauf der Interaktion. Jeder hat Anteil an dem, was in einer
Beziehung geschieht.
„Ich bin ja nur so, weil du so bist“ ist der Kernsatz , die Überzeugung.
Diese eigenen Anteile anzuerkennen, die Verantwortung dafür zu
übernehmen und nachzuvollziehen, was unser Verhalten im Anderen
auslöst, das ist es , wonach wir gemeinsam suchen.
Der Andere ist nie der Andere, sondern immer unser Bild vom
Anderen. Wir müssen Sorge tragen, unseren Partner nicht hinter
unseren Vorstellungen verschwinden zu lassen.
Das gelingt uns durch Achtsamkeit und Neugier.