Der Hausarzt

von Antje Petershagen – 04. September 2026

Mein Vater hatte einen Hausarzt, der mit ihm Schach spielte.

Was macht einen Hausarzt zu einem Menschen, an den man sich Jahrzehnte später erinnert?

Mein Vater war in seinen letzten Lebensjahren sehr krank und konnte unser Haus kaum noch verlassen. Unser Hausarzt kam zu uns.
Ich erinnere mich an einen großen Mann, immer adrett gekleidet, der sich an den Tisch setzte, meinen Vater untersuchte, zuhörte und Zeit mitbrachte.

Und irgendwann spielten die beiden Schach.

„Die Männer“ spielten eine Runde.

Ich fand das damals völlig selbstverständlich.

Erst viele Jahre später habe ich verstanden, was in dieser Szene lag.

Dieser Arzt kam nicht nur, um etwas zu erledigen, er kam zu meinem Vater.

Er wusste, dass dieser Mann krank war und dass sein Leben inzwischen kleiner geworden war. Ein Schachbrett konnte für eine Weile wieder einen ganz anderen Raum öffnen.

Diese Erfahrung hat meinen Blick darauf geprägt, was ein Hausarzt sein kann.
Ich habe noch eine andere Erinnerung an einen Menschen, der einfach auftauchte.

Der Pfarrer, der mich auf meine Konfirmation vorbereitet hatte, hielt eines Abends mit seiner grünen Ente vor unserem Haus. Er kam einfach vorbei.
Wir saßen gerade beim Käsefondue und produzierten diese langen Käsfäden, über die wir uns köstlich amüsierten, er setzte sich dazu.
Er blieb, nahm eine Fonduegabel und zog seine Käsfäden. :-)

Für diesen Abend gehörte er einfach zu unserer Familie.

Wenn ich heute an diese beiden Männer denke, erinnere ich mich an etwas, das sich schwer in Leistungskennzahlen fassen lässt.
Sie schenkten ihre Zeit, sie hörten zu, sie waren einfach da.

Und ich frage mich bis heute, was einen Menschen in einer bestimmten Rolle zu einem Menschen macht, an den wir uns Jahrzehnte später noch erinnern.

Vielleicht beginnt die Antwort genau dort, wo jemand aufhört, nur seine Rolle auszufüllen.