Nicht jede Jacke, die dir jemand hinhält, gehört auch dir.

von Heika Rogge - Meinen – 27. August 2026

Vielleicht kennst du das:
 
Jemand ist enttäuscht – und du fühlst dich verantwortlich. 
In der Familie herrscht schlechte Stimmung – und du versuchst, sie wieder auszugleichen. 
Jemand hat ein Problem – und während er noch erzählt, suchst du innerlich schon nach einer Lösung. 
Eine Erwartung steht im Raum – und du fragst dich zuerst, wie du ihr gerecht werden kannst.
 
Gerade Frauen, die über viele Jahre viel Verantwortung getragen haben, kennen solche Reaktionen häufig. 
Für Kinder. 
Für Partnerschaft. 
Für Eltern. 
Für Beruf und Familie. 
Für Harmonie und Zusammenhalt.
 
Irgendwann kann daraus etwas entstehen, das man als Überverantwortung beschreiben kann: 
Wir unterscheiden nicht mehr bewusst zwischen 
„Dafür bin ich verantwortlich.“ 
und 
„Ich fühle mich dafür verantwortlich.“
 
Und genau darin liegt ein wichtiger Unterschied. 
Denn die Gefühle eines anderen gehören zunächst dem anderen. 
Seine Entscheidungen gehören ihm. 
Seine Erwartungen sind nicht automatisch deine Verpflichtung. 
Und auch die schlechte Stimmung eines Menschen musst du nicht sofort reparieren.
 
Trotzdem springen manchmal alte innere Programme an: 
„Ich muss helfen.“ 
„Ich darf niemanden enttäuschen.“ 
„Ich muss dafür sorgen, dass wieder alles gut ist.“ 
„Wenn ich Nein sage, bin ich egoistisch.“
 
Solche Muster entstehen nicht grundlos. Sie haben oft lange dabei geholfen, Zugehörigkeit, Anerkennung, Harmonie oder Sicherheit zu erhalten. 
Aber was einmal hilfreich war, muss heute nicht mehr zu dir passen.
 
Deshalb lohnt sich eine kleine Unterbrechung. 
Bevor du die nächste Jacke anziehst, frag dich: 
Gehört diese Jacke überhaupt zu mir? 
Oder war sie einmal meine – und passt heute einfach nicht mehr?
 
Manche Rollen, Erwartungen und Verhaltensweisen haben uns über viele Jahre begleitet.
 
Vielleicht waren sie früher sinnvoll. 
Vielleicht haben sie uns geschützt. 
Vielleicht haben sie uns geholfen, dazuzugehören oder Konflikte zu vermeiden.
 
Aber nur weil etwas lange zu uns gehört hat, müssen wir es nicht für immer weitertragen. 
Gesunde Abgrenzung bedeutet nicht, kalt oder gleichgültig zu werden.
 
Sie bedeutet, bewusster zu entscheiden: 
Was ist wirklich meins? 
Was darf beim anderen bleiben? 
Und was darf ich endlich ausziehen, weil es heute nicht mehr zu mir passt?
 
Vielleicht ist genau das Selbstfürsorge: 
Nicht jede Jacke anzuziehen – und auch nicht jede alte weiterzutragen.
 
Welche „Jacke“ trägst du noch, obwohl du längst spürst, dass sie dir nicht mehr passt?

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