Nicht jede schwierige Ablösung beginnt in einer dysfunktionalen Familie.
von Anastasiia Sukhorukova – 11. Juni 2026In der Psychotherapie sprechen wir häufig über die Folgen von Vernachlässigung, Gewalt oder emotionaler Unsicherheit in der Kindheit.
Wesentlich seltener sprechen wir über eine andere Realität und Herausforderungen von Menschen, die in liebevollen, unterstützenden und emotional verlässlichen Familien aufgewachsen sind.
Das mag zunächst paradox klingen.
Denn wenn Eltern fürsorglich waren, Vertrauen vermittelt haben und ein stabiles Zuhause geschaffen haben – woran sollte man dann später leiden?
An der Trennung.
Viele Menschen aus solchen Familien berichten nicht über Bindungsangst, sondern über Verlustangst.
Nicht über den Wunsch nach mehr Nähe, sondern über die Schwierigkeit, sich von etwas zu lösen, das sich sicher, vertraut und gut anfühlt.
Die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst dort, wo Entwicklung eine neue Form von Distanz verlangt:
- Auszug.
- Eigene Partnerschaft.
- Berufliche Wege fern der Familie.
- Ein neues soziales Umfeld.
Denn die Außenwelt begegnet uns selten mit derselben Geduld, Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit wie gute Eltern.
Und genau das macht den Übergang für manche Menschen überraschend schwierig.
Einfach weil Familie ein außergewöhnlich sicherer Ort war.
In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Menschen, die ihre Eltern lieben, von ihnen unterstützt werden und dennoch unter einer starken inneren Ambivalenz leiden:
Sie wünschen sich ein eigenes Leben, und fürchten gleichzeitig den Verlust der Nähe.
Sie möchten unabhängig werden, und erleben Schuldgefühle, sobald sie Abstand schaffen.
Sie bauen Karriere auf und verbringen ihre Freizeit aber fast ausschließlich im familiären System.
Manche verschieben Partnerschaften oder eigene Familiengründung länger als sie eigentlich möchten.
Weil Loslassen manchmal schwerer ist als Festhalten.
Sowas ist ein Ausdruck einer Entwicklungsaufgabe, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.
Sich von etwas Gutem zu lösen, ohne es zu verlieren.
Wird die Bedeutung von Ablösung und Separation in unserer Gesellschaft eher unterschätzt?