Schluss mit „everybody’s darling“

von Margit Flierl – 13. September 2026

Wie man damit aufhört, es immer allen recht zu machen.

„Ich hab gesagt, es geht jetzt nicht!“
Ein Gespräch ist gekippt. Ein Kollege kommt Ihnen zu nahe. Die Freundin will unbedingt ins Kino
gehen, obwohl Sie keine Zeit haben. Ihr Partner mischt sich in Entscheidungen ein. Die
Schwiegermutter kommt mit „guten Ratschlägen“ um die Ecke.
Eigentlich merken Sie bereits in der Situation, dass es zu viel war und reagieren entsprechend: Sie
werden plötzlich ärgerlich, fühlen sich unwohl, bekommen Magenschmerzen, sind genervt oder
fühlen sich überrumpelt.

Selbstbestimmung statt Mauern: Grenzen beginnen im Kopf
Nicht mit der Frage: Darf ich das überhaupt?
Sondern mit der Klarheit über sich selbst: Wo möchte ich meine Grenze ziehen?
Die zentrale Frage lautet:
Was ist für mich in Ordnung – und was nicht?
Was ist mir wichtig?
Wie viel körperliche oder emotionale Nähe möchte ich?
Wie viel Zeit und Energie habe ich zur Verfügung?
Welche Dinge möchte ich selbst entscheiden?
Und was möchte ich nicht mitmachen?
Wenn die Antwort dazu klar ist, werden auch die Grenzen klar:
Das mache ich mit.
Das mache ich nicht mit.
Bis hierhin – und nicht weiter.
Manche Grenzen sind eindeutig, andere eher fließend– auch abhängig davon, mit welchem
Menschen wir gerade zu tun haben oder in welcher Beziehung wir zu dem Menschen stehen. Wenn
Sie körperlich oder emotional reagieren, lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Hier geht mir gerade
etwas zu weit.

Eine Grenze ist keine Mauer
Grenzen sind unterschiedlich und werden oft erst bemerkt, wenn sie bereits überschritten sind.
Grenzen sind nicht gegen andere gerichtet, sondern zeigen klar auf, wo wir beginnen und wo wir
aufhören.

Vielleicht hilft dabei das Bild eines Gartenzauns. Ein Zaun ist keine Mauer. Und er kann eine Tür
haben. Wichtig ist: Sie allein halten den Türöffner in der Hand, es ist keine automatische Drehtür,
durch die jeder ein- und ausgehen kann wie er will. Sie selbst wissen am besten, wo Ihr Bereich
beginnt und wo er endet.

Wenn Grenzen überschritten werden: Vom Trampelpfad zum
Gartenzaun
Wir können niemanden zwingen, unsere Grenzen zu respektieren. Aber wir können selbst
entscheiden, wie wir damit umgehen. Die Reaktion auf die Grenzüberschreitung ist individuell, z.Bsp.:
 Die Grenze erneut deutlich benennen
 Nein sagen
 das Gespräch beenden.
 gehen.
 Zusatzaufgaben nicht mehr übernehmen.
 Abstand halten.
Eine Grenze zu erkennen ist etwas anderes, als sie gegenüber anderen zu vertreten. Wenn Ihnen vor
allem das Nein-Sagen schwerfällt, geht es hier weiter: „Warum Nein sagen so schwerfällt“.
Grenzen ohne Konsequenzen werden zum Trampelpfad, den andere nach Lust und Laune
beschreiten.

Grenzen schaffen Nähe, keine Distanz
Grenzen sollen benannt werden. Nicht als lange Erklärung. Nicht als Rechtfertigung.

Sondern so, wie es zu Ihnen passt:
„Ich kann das morgen übernehmen. Heute nicht.“
„Diese Entscheidung treffe ich selbst.“
„So können Sie mit mir reden. Aber nur einmal.“

Grenzen dürfen flexibel sein und sich nach der eigenen Tagesform richten.
Nähe entsteht nicht dadurch, dass wir uns unsichtbar machen, sondern indem wir uns zeigen – mit
unseren Bedürfnissen und Linien. Ein Gartenzaun trennt uns nicht von der Welt, er schützt nur unser
Zuhause. Grenzen machen sichtbar, wo unser Bereich beginnt – und geben dem anderen die Chance,
das zu respektieren.

People Pleaser war gestern – Selbstbestimmung ist die Zukunft
Eigene Grenzen sind Ausdruck von Selbstbestimmung – nicht der Versuch, andere Menschen zu
kontrollieren.
Eigene Grenzen wahrzunehmen und sie gegenüber anderen vertreten zu können, gehört zu den
grundlegenden Fähigkeiten, selbstbestimmt zu handeln und Beziehungen zu gestalten.

Der nächste Schritt
Sie müssen nicht von heute auf morgen alles komplett umkrempeln oder jedem sofort die „rote
Karte“ zeigen. Nehmen Sie sich für die kommende Woche nur eine einzige Sache vor: Achten Sie auf
das erste leise Gefühl von Ärger oder Erschöpfung im Körper. Genau dort liegt die Grenze – und
genau dort dürfen Sie beginnen, sie sanft, aber bestimmt zu bewachen.
Welche Grenze werden Sie als Nächstes bewusster ziehen?