Wie extrem muss man eigentlich heute sein, um überhaupt gehört zu werden?

von Friederike von Corratio – 03. September 2026

Mich beschäftigt diese Frage gerade sehr.

Nicht nur in der Politik.

Sondern auch im Beruf.

In Familien.

In Freundschaften.

Und sogar unter Jugendlichen.

Vor einiger Zeit erzählte mir mein ältester Sohn, dass er in der Schule als „rechts“ gelte.

Ich musste erst einmal schlucken.

Also fragte ich nach.

Seine Antwort überraschte mich.

„Weil ich kein Emo bin.“

Nicht, weil er rechte Positionen vertritt.

Nicht, weil er sich politisch äußert.

Sondern weil es offenbar nur noch zwei Schubladen gab.

Und wer nicht eindeutig in die eine passte, landete automatisch in der anderen.

Vielleicht ist die Mitte heute der unbequemste Ort geworden.

Dieser Gedanke lässt mich bis heute nicht los.

Denn ich habe den Eindruck, dass genau das gerade an vielen Stellen passiert.

Nicht nur politisch.

Auch im Beruf.

Auch in Familien.

Auch in Freundschaften.

Der Raum zwischen

„Ich sehe das anders.“

und

„Dann eben gar nicht mehr.“

scheint immer kleiner zu werden.

Dabei entsteht Entwicklung doch genau dort.

Zwischen zwei Positionen.

Zwischen zwei Menschen.

Zwischen zwei Wirklichkeiten.

Ich wünsche mir keine Beliebigkeit.

Und ich wünsche mir auch keinen Konsens um jeden Preis.

Ich wünsche mir einen größeren Raum.

Einen Raum, in dem unterschiedliche Meinungen nicht automatisch zu einem Lager führen.

Einen Raum, in dem Widerspruch nicht sofort Trennung bedeutet.

Einen Raum, in dem Menschen ihre Meinung ändern dürfen, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Einen Raum, in dem man neugierig bleiben kann, statt sich vorschnell festzulegen.

Vielleicht ist genau das mein Verständnis von Raum für Veränderlichkeit.

Mich würde wirklich interessieren:

Wie schafft Ihr es, Haltung zu zeigen, ohne sofort einer Seite zugerechnet zu werden?

Oder ist genau das inzwischen die eigentliche Herausforderung unserer Zeit?