Ich misstraue einfachen Erklärungen für komplizierte Situationen und Menschen.
von Anastasiia Sukhorukova – 05. November 2026Ein Mensch, der trotz schwieriger Erfahrungen, innerer Konflikte oder psychischer Belastung sein Leben so organisiert hat, dass zumindest ein Teil davon funktioniert, ist für mich kein „Fall“, auf den nur noch das passende Schema angewendet werden muss.
Dahinter stehen Entscheidungen, Versuche und Irrtümer, überwundene Ängste, Anpassungen – und oft sehr viele mögliche Szenarien im Kopf.
Von außen kann das erstaunlich einfach aussehen. Von innen ist es das meistens nicht.
Deshalb muss ich als Psychotherapeutin mindestens genauso differenziert denken wie der Mensch, der mir gegenübersitzt.
Mich stört Pathologisierung. Und mich stören schnelle Kategorien.
„Alle Narzissten sind Täter.“
„Borderline ist der Albtraum jeder Therapeutin.“
„Wenn Sie neben jemandem an Ihren Gefühlen zweifeln, sollten Sie gehen.“
Solche Sätze erklären schnell etwas. Aber selten einen Menschen.
Dasselbe gilt für Burnout. Natürlich können Schlaf, Delegieren oder Grenzen wichtig sein. Aber wenn jemand diese offensichtlich hilfreichen Dinge seit Jahren nicht tut, interessiert mich vor allem: Warum?
Es gibt nicht zwei identische Depressionen, Burnouts oder Borderline-Prozesse.
Ein zentraler Gedanke der Integrativen Psychotherapie nach Richard Erskine ist für meine Arbeit deshalb besonders wichtig:
Ungewöhnliches Verhalten ergibt in seinem konkreten Kontext Sinn.
Auch Selbstverletzung kann eine Funktion haben. Viele meiner Klient:innen mit Borderline-Prozessen konnten damit über lange Zeit einen kaum regulierbaren emotionalen Zustand verändern.
Ist das eine gute Strategie? Nein.
Hat sie funktioniert? Oft ja.
Verstehen bedeutet deshalb nicht, destruktives Verhalten gutzuheißen. Es hilft uns herauszufinden, welche Funktion es hatte, welches Bedürfnis dahintersteht – und was ein Mensch stattdessen lernen müsste.
Und Verstehen allein reicht ohnehin nicht.
Neben der kognitiven Ebene gibt es emotionale, körperliche, verhaltensbezogene und existenzielle Ebenen von Veränderung. Deshalb kann jemand sehr genau wissen, warum er etwas tut – und trotzdem nicht anders handeln können.
Diese Haltung prägt auch meine Supervision.
Wenn ein therapeutischer Prozess feststeckt, interessiert mich nicht zuerst, wer etwas „falsch“ gemacht hat. Mich interessiert: Was passiert zwischen Therapeut:in und Klient:in? Welche Gegenübertragung entsteht? Gibt es einen Parallelprozess?
Was ich dagegen sehr klar ablehne: Menschen nach 30 Sekunden Video und fünf Kriterien mit einer Persönlichkeitsstörung, „Narzissmus“ oder einer toxischen Beziehung zu versehen.
So funktioniert Diagnostik nicht.
Und Menschen funktionieren auch nicht so.