Die Behandlung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist anspruchsvoll
von Anastasiia Sukhorukova – 01. September 2026Nicht allein die Diagnose macht die Behandlung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung anspruchsvoll. Oft ist es auch das, was wir bereits mit dieser Diagnose verbinden.
Ich unterrichte und supervidiere Psychotherapeut:innen schon seit mehreren Jahren besonders gern in der Arbeit mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen und borderline-nahen Dynamiken.
Viele Kolleg:innen reagieren auf diese Diagnose zunächst mit Unsicherheit. Menschen mit BPS sind auch innerhalb des Versorgungssystems noch immer mit Vorannahmen konfrontiert. Sie gelten als „zu instabil“, „zu riskant“ oder „zu schwer behandelbar“.
Die Behandlung kann anspruchsvoll sein. Anspruchsvoll bedeutet jedoch nicht aussichtslos.
Fünf Themen begegnen mir dabei besonders häufig:
1. Emotionsregulation
Unter hoher innerer Anspannung können Affekte sehr intensiv werden. Gleichzeitig fällt es Betroffenen schwerer, eigene und fremde innere Zustände differenziert wahrzunehmen, einzuordnen und angemessen darauf zu reagieren.
DBT-Skills können dabei helfen, die Anspannung zu reduzieren. Ebenso wichtig ist jedoch die therapeutische Beziehung: Regulation braucht zu Beginn häufig Koregulation, einen Menschen, der präsent bleibt, die Intensität mitträgt und dennoch nicht die Kontrolle übernimmt.
2. Selbstverletzung und Suizidalität
Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten kann dazu dienen, innere Spannung, Leere oder kaum erträglichen psychischen Schmerz zu regulieren. Es sollte weder vorschnell als „Manipulation“ noch automatisch als Suizidversuch interpretiert werden.
3. Die Frage nach der „richtigen“ Methode
Aktuelle Leitlinien empfehlen eine strukturierte Psychotherapie, die gezielt auf die Kernprobleme der Borderline-Persönlichkeitsstörung ausgerichtet ist. Den einen Goldstandard gibt es jedoch nicht.
Entscheidend ist nicht methodische Beliebigkeit, sondern eine fachlich begründete und individuell abgestimmte Behandlungsplanung.
4. Der nichtlineare Therapieverlauf
Therapeutischer Fortschritt verläuft nur selten stetig aufwärts. Stabilere Phasen können sich mit Krisen, Rückzug oder einer vorübergehenden Verschlechterung abwechseln. Auch die therapeutische Allianz kann Schwankungen unterliegen.
5. Gegenübertragung
Angst, Hilflosigkeit, Ärger, Rettungsimpulse oder ein starkes Verantwortungsgefühl machen Therapeut:innen nicht ungeeignet.
Unreflektiert können solche Reaktionen die therapeutischen Grenzen und die Arbeitsbeziehung belasten. Reflektiert können sie zu einer wertvollen Quelle klinischer Information werden.
Je genauer wir diese Prozesse verstehen, desto weniger muss die Diagnose selbst Angst auslösen.
Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung brauchen keine Therapeut:innen ohne eigene Gefühle. Sie brauchen Therapeut:innen, die ihre Reaktionen wahrnehmen, einordnen und professionell nutzen können. Und was auch wichtig ist - sich gesund involviert und beeinflusst fühlen, ohne Kontakt zu verlieren.